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Narzissmus

Am Wochenende habe ich an einem Tagesseminar über Narzissmus teilgenommen. So interessant all die Infos darüber sind, so verwirrt bin ich nun nach diesem Tag. „Wieso?“ frage ich mich nun schon den ganzen Tag.


Ein Leben lang bin ich umgeben von Menschen, die ich nach den gängigen Beschreibungen als narzisstisch bezeichnen kann. Ich habe glitten unter ihnen und trage Folgen von diesen Beziehungen mit mir herum. Dennoch wehrt sich etwas ganz stark in mir mit dem Finger auf sie zu zeigen und sie als Narzissten abzuwerten, abzustempeln, zu verurteilen und ihnen alle Schuld meiner Folgen zuzuschreiben. Trotzdem liegt es mir fern sie zu beschützen und ihre Taten, Worte und Handlungen für gut zu heißen. Vieles war nicht gut was in den Beziehungen geschehen ist und doch sehe auch ich in diesen Menschen den guten göttlichen Kern, der in jedem von uns liegt. Ich sehe ihre Prägungen, ihre Traumata, ihr Leiden und die Versuche ein sinnerfülltes Leben zu leben. Die einen haben ihr Inneres abgekapselt und die anderen werden überflutet von ihrem inneren Erleben. Die einen sind die unbesiegbaren Helden und die anderen die ewigen Opfer. Sie alle haben Talente, Gaben und ihre guten Seiten, sind hilfsbereit, dankbar und zuvorkommend, gliedern sich in die Gesellschaft ein, gehen einem Beruf nach und schenken anderen Menschen Freude. Sie tragen, wie jeder andere Mensch auch ein Licht und ein Potenzial in sich, die beide in ihnen leuchten, welche jedoch gleichzeitig in engen Verbindungen ab einem gewissen Zeitpunkt zu erloschen scheinen. Die Dunkelheit, das Trauma, der Schatten oder die Verletzung, das Unintegrierte oder das Unbewusste legt sich über die Verbundenheit und begrabt sie mit ihrer Schwere, mit ihrer Macht, mit ihrer Manipulation und dem Chaos, die sie hervorrufen sobald sie sich zeigen.


Jedes Wort, das in einer solchen Beziehung ausgesprochen wird, scheint sich im luftleeren Raum zwischen dem Mund des einen und dem Ohr des anderen zu verdrehen, aufzuladen oder seine Bedeutung und seinen Sinn zu verlieren. Es scheint als ob zwischen den beiden Menschen ein dritter sitzen würde, ein Magier oder Zauberer, ein Kobold oder ein Schelm, der die Worte auffängt und mit ihnen zu spielen scheint. Chaos entsteht. Chaos zieht Unsicherheit mit sich und dies aktiviert unsere Schutzmechanismen von Kampf, Flucht oder Erstarrung. Entweder entsteht ein permanenter Streit zwischen den Partnern oder man beendet sofort die Beziehung oder wenn beides nicht geht, stellt sich einer der Partner tot und verleugnet ab sofort jegliche Wünsche und Bedürfnisse um des lieben Friedens willen. Der andere Partner jedoch bekommt dadurch eine Macht, die er immer mehr und mehr ausbaut aus Mangel an Grenzen, die der andere Partner ihm verwehrt. So beginnt eine Suche nach Grenzen, in der die noch verbliebenen Grenzen des einen weiter ausgedehnt und die des anderen weiter eingeschränkt werden. Alles gut solange der eine Partner nicht aus seiner Erstarrung erwacht und anfängt seine Grenzen wieder zu finden und zu stärken. Der Traumastrudel in dem beide stecken rührt sich, bäumt sich auf und kämpft seinerseits um sein Fortbestehen. Erkennt nur einer der beiden sein Licht, sein Potential, sein wahres Selbst und seine Würde wieder, so weiß der Traumastrudel, dass er den Kampf verloren hat und erlischt.


So wie ich die Welt sehe und verstehe, so besteht in einigen Menschen dieser Traumastrudel in ihrem Inneren, zwischen zwei Anteilen, zwischen dem Ich und dem Selbst, zwischen zwei unterschiedlichen Körperfunktionen oder zwischen ihrem Potenzial und dem Alltag oder ähnlichem. Dieser Traumastrudel wirkt im Inneren an jenen Stellen von Verbundenheit und zerreißt, vernebelt und bedeckt diese. Zerreißt die Verbundenheit, wird der Informationsstrom zwischen zwei Polen unterbrochen, verwirrt oder blockiert. So kann auch die Liebe zwischen den beiden Polen nicht mehr frei fließen und man verlernt mit der Zeit sie zu kennen, zu spüren und sie anzunehmen. Man entwickelt vielleicht sogar Angst vor der Liebe sowie vor einer tiefen Berührung, vor einem wohlwollendem Gesehen werden und dem tiefen Erkennen seines Selbst. Wie kann man mit einem solchen Traumastrudel eine wahrhaftige Beziehung eingehen? Meines Erachtens manifestiert sich ein unbewusster innerer Traumastrudel immer nach einer gewissen Zeit im außen und zerstört die Verbundenheit zweier Menschen oder einer Gruppe ohne, dass sie es merken.


Meine Schlussfolgerung zu diesem Thema ist nun eine weitere Frage. Könnte es möglich sein, dass der gesamte Hype um das Narzissmus-Thema eine große Projektion und ein Suchen nach Schuldigen ist?


Die Erklärung warum ich mich das frage:


Existiert in mir der Traumastrudel, der meine Verbundenheit unterdrückt, zerreißt und vernebelt, so erkenne ich diese erst, wenn ich Kontakt zu meinen Körperempfindungen habe, wenn ich Körperreaktionen wieder spüren und diese beruhigt beobachten kann. Sprich ich muss mich in meiner inneren Welt schon gut auskennen und ihre Sprache verstehen um erkennen zu können, dass hier die Verbundenheit fehlt und die Trennung vieles bestimmt. Alles was einem nicht bewusst ist und noch nicht integriert ist und demnach noch nicht gefühlt wird, wird projiziert und manifestiert sich in unserem Leben.


Die massive Schuldzuweisung an eine Gruppe von Menschen, die Narzissten genannt werden, die immer größer und größer zu werden scheint, lässt Übelkeit in mir aufsteigen in Angesicht dessen vor dem wir versuchen davon zu laufen, nämlich vor der Zerrissenheit der eigenen inneren Verbundenheit, der Angst vor tiefer Berührung und der wahrhaftigen Liebe.


Hören wir auf mit dem Finger auf andere zu zeigen, andere zu analysieren und uns den Mund fusselig zu reden über deren Taten und Handlungen und beginnen zu sehen was wir tun und nicht tun. Stehen wir selbst in Verbindung mit unserer inneren natürlichen Kraft? Wahren wir unsere eigenen Grenzen, würdigen wir sie und verteidigen wir sie so wie es in der göttlichen Ordnung vorgesehen ist? Spüren wir die Verbindung zu unseren menschlichen Wünschen, Bedürfnissen und Visionen und erlauben wir uns sie zum Ausdruck zu bringen? Von wem werden wir dirigiert? Ist es das Ich, das Selbst, eine Traumadynamik oder ein anderer Mensch? Vertrauen wir dem Leben oder vertrauen wir ausschließlich unserer Kognition?


Vielleicht ist das Thema des Narzissmus gerade jetzt so präsent vorhanden, damit jeder von uns, in dieser Wandelzeit, an diesem Thema wachsen kann und in sich selbst die unbändige natürliche Stärke, Kraft und Macht, die in unserer Menschlichkeit verankert sind, erkennt und sie wachküsst. Dies ist meines Erachtens und aus heutiger Sicht, das Einzige, das uns aus der Manipulierbarkeit in unsere wahre göttliche Eigenständigkeit führt und das Thema des Narzissmus wieder auf ein Normalmaß schrumpfen lässt.

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