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Das unsichtbare Gegenüber


Manchmal passiert etwas, das einen Riss in einem hinterlässt. Eine Dunkelheit, die fortan alles Lebendige und Lichtvolle, wie ein gieriger Staubsauger in sich einsaugt und in sich begräbt, gefangen hält und einschließt. Seitdem existieren zwei Lager in einem. Beide sehnen sich nach Verbundenheit und Einheit und doch bekämpfen sie sich, geben dem jeweils anderen die Schuld und benutzen ihn als Projektionsfläche. Die Dunkelheit freut und jubiliert, wenn die beiden Seiten sich verächtlich, neidisch und wütend beäugen. In solchen Momenten wird sie genährt, in ihrer Existenz bestätigt und wie das Rumpelstilzchen, kreist sie um sich selbst herum und erfreut sich, dass sie niemand kennt und erkennt.


Doch wehe demjenigen, der sie eines Tages erkennt, dem zeigt sie den unüberwindbaren Riss aus dem sie entstanden ist und in dem sie wohnt. Sie lässt ihn ihren Sog spüren, in dem all ihre Kraft liegt, sie zeigt ihm die Dunkelheit und Tiefe, die weder Raum noch Zeit kennen. Sie nimmt ihn mit in ihre unendliche Düsternis, mit dem Versprechen, ihm ihr Licht zu zeigen. Folgt man ihr, sinkt man tief und man verliert sich. So wird man zur Nahrung der Dunkelheit und zum Riss, der alles Lebendige und Lichtvolle in sich aufnimmt und dem Leben entreißt. Man strahlt durch das Licht derer, denen man es entrissen hat und strotzt vor Kraft indem man sich, wie einen König von ihnen, tragen lässt. Düster sind die Tage, leer die Freude und kraftlos die Taten, rastlos irrt man herum auf der Suche nach Nahrung, die einem ja doch nicht sättigt und befriedigt.

Lob und Ehre demjenigen, der die Dunkelheit erkennt, ihre Hinterlist und Tücken durchschaut und sie dennoch für ihr Werk achtet. Der, der am Rand ausharrt, in die Tiefen blickt, den Sog spürt und dennoch den Blick hebt und sein Gegenüber anblickt und ihm ein Du ist. Der, der dem Bedürfnis auf der anderen Seite die Hand ausstreckt und es willkommen heißt. Der, der die Geschichte des Bedürfnisses anhört und mit ihm in die Ferne blickt, dorthin, wo Himmel und Erde sich berühren und eins werden. Der, der die Magie dieses Momentes wahrnimmt, sich von ihr berühren und mitnehmen lässt in die Verbundenheit, in der sich Raum und Zeit öffnen und man eintritt in den Riss, der einem beginnt seine Geschichte zu erzählen, die weit zurückreicht in eine längst vergangene Zeit. Der, der zu der verkörperten Geschichte wird und somit zum Geschenk für seine Mitmenschen, damit sie durch ihn das an zu nehmen lernen, was sie verachten und bekämpfen.


Als Geschenk vereinen sich Körper, Geist und Seele. So sinkt man tief in den Körper, dessen Gewebe nun weich und durchlässig sind. Sie heißen die Seele willkommen, die freudig ihren Platz im Körper neu beheimatet. Gleichzeitig hält sie das Körperwesen fest umschlungen, in Dankbarkeit und Bewunderung für seinen Mut und seine Ausdauer.


Über den Riss und die Dunkelheit hat sich eine Brücke gelegt. Sie hemmt den aufsteigenden Sog der Dunkelheit und steht als Vorbild für beide Seiten, weitere Brücken entstehen zu lassen. Sie ist das Sinnbild für die Verbundenheit, die entsteht, wenn wir zum Gegenüber unserer tiefsten Bedürfnisse werden. Zum Du, das im Sehen und im Bezeugen ihrer Geschichte und im gemeinsamen Schauen des Horizonts, eine Verbindung entstehen lässt, die nährt, die hält, die stützt und die tiefe Ruhe und Zufriedenheit schenkt.


Lob und Ehre dem Wunder des Lebens.

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